Interview mit Christoph von Zastrow

Interview mit Christoph von Zastrow (April 2004)



Veröffentlichungen:

  • Der kalte Prinz (2004)



Stell Dich doch bitte den Besuchern der Bücherkiste ein wenig vor. Was hast Du für Hobbys, etc.?
Hobbys? Musik vielleicht. Und Computer. Psychologie. Auch Weltraumfahrt. Und Liebe. Ansonsten: Muß ich darauf antworten?

Im Februar ist bei Moments Dein erster Liebesroman "Der kalte Prinz" erschienen. Wie kommt ein Mann darauf einen Liebesroman zu schreiben? Und wie reagiert Deine Umwelt darauf? Wenn die Frauen unter den Liebesromanenautoren schon mit Vorurteilen zu kämpfen haben, wie muss es dann erst bei einem Mann sein?
Also mit Vorurteilen habe ich, einem eigenen Vorurteil zum Trotz, bisher fast gar nicht zu tun gehabt. Ich denke es liegt daran, daß man merkt: Hier glaubt jemand an das was er schreibt. Meine zentrale Botschaft in "Der kalte Prinz" kann simpel auf einen Nenner gebracht werden: "Glaube an die Liebe". Und zwar nicht an eine abstrakte Liebe, die sich vom Himmel herab senkt wie eine göttliche Kraft, sondern eine, die von innen heraus wirkt. Ein Gefühl, eine Haltung, für die man sich bewußt entscheidet.

Wirst Du dem Liebesroman-Genre treu bleiben? Was hast Du für Pläne? Schreibst Du bereits an einem neuen Roman und kannst uns etwas darüber verraten?
Liebe, also die zwischen zwei Menschen, war und wird immer ein zentrales Thema meiner künstlerischen Arbeit bleiben. Auch habe ich noch diverse Entwürfe für weitere (Liebes-)Romane. Und zwar solche, wo die Liebe im Vordergrund steht, und auch Stoffe, bei denen die Liebe der Anlaß für weitergehende Ereignisse darstellt. Momentan arbeite ich an einem Drehbuch, einer Romanadaption für einen internationalen Kino-Stoff. Sobald ich damit fertig bin, werde ich mich wohl wieder an meine eigenen Roman-Stoffe machen. Irgendwann in den nächsten Wochen.

Du hast bereits mehrere Drehbücher verfasst und leitest auch Seminare über das Drehbuchschreiben. Unterscheidet sich das Schreiben von Drehbüchern zum Schreiben an einem Roman?
Drehbuchschreiben ist Auftragsarbeit. Romane sind viel mehr Ausdruck der eigenen Künstlerpersönlichkeit. Hier redet einem niemand rein. Es war für mich sehr spannend zu sehen, was heraus kommt, wenn ich ganz nur meinen eigenen Gedanken und Gefühlen folge. Ich war verblüfft, wie opulent sich das am Ende ausgestaltet. Auch wußte ich nicht, daß ich so emotional schreibe. In jedem Fall ist es ein großes Erlebnis für mich gewesen, mal einen Roman zu schreiben. Etwa so wie eine große Reise.

Wie kamst Du überhaupt auf die Idee einen Roman zu schreiben und war es leicht einen Verlag zu finden?
Mit dem Verlag hatte ich großes Glück. Auf das Anraten von Marte Cormann hin, einer befreundeten Autoren-Kollegin, habe ich das Exposé zu "Der kalte Prinz" lediglich an einen einzigen Verlag geschickt, also an Isolde Wehr vom Moments Verlag, und kurz darauf lag bereits der Vertrag auf meinem Tisch. Ein Traum-Start sozusagen.

Du bist ein vielbeschäftigter Mensch. Laut Deiner Homepage arbeitest Du auch als Schauspieler und bist in einer Band. Mich wundert, das Du überhaupt Zeit zum Schreiben findest.
Auf einer Homepage listet man das so auf. Aber natürlich mache ich nicht immer alles gleichzeitig, sondern nacheinander.

Auf Deiner Homepage steht ebenfalls, das Du Mitglied im Jules Verne Club bist. Interessierst Du Dich sehr für Science-Fiction, etc. und könntest Du Dir vorstellen auch einmal etwas in dieser Richtung zu schreiben?
Ja, ich liebe utopische Literatur, obwohl ich kein klassischer Science Fiction-Fan bin. Ich liebe vor allem alles was "retro" ist, also z. B. Zukunftsvorstellungen, die von der Wirklichkeit überholt wurden und dadurch nachträglich in einer Art Paralell-Realität spielen, die weder reiner Science Fiction, noch klassisch Fantasy zu nennen wäre. Vielleicht wie in "Solaris" (was ich gerne noch einmal verfilmen würde) oder in Comic-Reihen á la "Liga der ausserordentlichen Gentlemen" oder wie in den Filmen "Brazil", "Gattaca" oder "Wings of Honneamise". Ich liebe Retro-Design, Retro-Future, sogar Retro-Musik. Und ich liebe es, diese Elemente mit Neuem zu verbinden. Kurzum: Was ich mag, ist der Stilmix. Und davon habe ich auch in meinem Roman jede Menge Gebrauch gemacht.
Meine Mitgliedschaft im Jules Verne Club bedeutet für mich aber auch eine Art Statement: Schaut her, was sich einer ausdenken kann und - schwupps schon ist es Wirklichkeit. Hierzulande hat sich in der Nachkriegsgesellschaft ein, wenn auch verständliche, so doch auch etwas langweilige Utopie-Feindlichkeit breit gemacht. Auch wenn z.B. das Unternehmen "Cargo-Lifter" wahrscheinlich geschäftlich ein ziemlicher Reinfall war, wenn es denn nicht fast an Betrug grenzte, so fällt schon ziemlich auf, mit welcher Lust sich die Kritiker auf dieses an sich doch lobenswerte Projekt stürzten. Symptomatisch ist doch das: Auf www.telepolis.de, einem super interessanten Nachrichtenportal habe die am 1. April einen Bericht gebracht über die angeblich geplante europäische bemannte Raumfahrtmission. Das war ein Aprilscherz. Warum? Ich finde: Erfindergeist und Unternehmertum, visionäres Denken ist hierzulande diskreditiert. Auch darum bin ich Mitglied im Jules Verne-Club.
Ob ich selber etwas utopisches Schreiben mag? Naja, meine Geschichten haben immer den Hang dazu, daß mal ein UFO durchs Bild schwirrt. Am liebsten in einer Liebesgeschichte. Was mich hingegen langweilt sind rein technische Utopien. Das erscheint mir seit locker 15 Jahren irgendwie ausgereizt. Letztlich liegt ja sogar der Begriff "Liebe" sehr nah an der Utopie. Je tiefer, je einzigartiger, je ewiger sie wird, um so utopischer erscheint die Liebe. Und dennoch glaube ich, daß man sie erreichen kann.

Du bist Mitglied bei Delia, der Vereinigung deutscher Liebesromanautoren. Mittlerweile bist Du nicht mehr der einzige männliche Delia, aber trotzdem seid Ihr Männer im Liebesromanbereich noch die Ausnahme. Was meinst Du woran das liegt? Liest Du selber Liebesromane und hast Du den Markt in den letzten Jahren verfolgt? Welche Vorteile siehst Du in einer Vereinigung wie Delia?
Liebesromane sind eindeutig im Kommen. Romantik ist angesagt. Liebe ist "Kult". Aber keineswegs würde ich mich dabei beschränken lassen wollen auf den klassischen Liebesroman mit Happy End-Garantie, obwohl "Der kalte Prinz" tatsächlich ein Happy End bietet. Was mich hingegen mehr langweilt als alle Ski-Spring-Turniere dieser Erde zusammen genommen, ist allerdings literarischer Hochmut und Arroganz gegenüber bestimmten Themen oder Literatur-Gattungen. Einen elitären Literaturbegriff finde ich zum Kotzen. Also wenn einer sagt: "Krimi ist super, aber Liebe ist was für Warmduscher", so klingt das für mich einwenig so, wie wenn man sagen wollte "Blau ist stark, aber Gelb ist für Schwächlinge". Und dasselbe gilt auch für den angeblichen Gegensatz zwischen hoher Literatur und der sogenannten Trivialliteratur, die es meiner Meinung nach überhaupt nicht gibt. Es gibt nur gute Bücher, das sind solche, die Leute lesen wollen, und es gibt schlechte Bücher, das sind die, die niemand haben will. Alles andere ist eine Geschmacksfrage, über die ich mich lieber nicht streite. Wenn wir von Delia ein paar deutschlehrer-verdorbenen LeserInnen überzeugen können, daß Literatur, und damit Kunst, vor allem auch ein Genuß sein soll, und daß es Spaß macht, sich auch literarisch mit Liebe zu beschäftigen, dann bin ich schon zufrieden.

Was liest Du selbst gerne? Hast Du einen Lieblingsautor und was liest Du gerade?
Lese gerade "Choke" von Chuck Palahniuk, der auch der Autor von "Fight Club" ist. Da ich das in Englisch lese, knabbere ich schon eine Zeit lang daran herum. Außerdem lese ich derzeit "Wie das Gift in die Mango kam" von Barbara Wilde. Ansonsten schmökere ich quer durch die Bank, aber - zugegeben - sind relativ wenig moderne Sachen dabei. Am liebsten lese ich sogenannte Klassiker. Lieblingsautor: Kleist. Und irgendwelche abgefahrenen oder heftigen Sachbücher. "Formen bürgerlicher Herrschaft", "Survival - Die Kunst zu überleben", "Kollektive Suizide", "Sexualmörder", "Traumdeutung", "Das Drama des begabten Kindes", einen dicken Untersuchungsbericht über eine Spendenaffäre in Baden-Würtemberg etc. . Das sind so düstere Sachen, die ich gerade auf meinem Schreibtisch liegen sehe. Ob da am Ende mal wirklich ein Liebesroman rauskommt?

Vielen Dank für das Interview!