Interview mit Michael Wilcke

Interview mit Michael Wilcke (November 2003)



Veröffentlichungen:

  • Hexentage (2000)



Erzählst Du uns ein wenig über Dich? Deine Familie, Deine Hobbys?
Ich bin 33 Jahre alt und wohne in Bramsche (das liegt in der Nähe von Osnabrück). Was Familie angeht bin ich noch nicht soweit gekommen wie mit meinen Büchern; zurzeit bin ich Single und habe dadurch zumindest viel Zeit zum Schreiben. Da ich bei einer Zeitung angestellt bin, beginnt mein Arbeitstag erst immer so um 16 oder 17 Uhr und ich nutze den Vormittag um zu schreiben oder an den Storys zu feilen. Ansonsten interessiere ich mich sehr für Filme (beonders wenn sie historisch + opulent sind), Geschichte und Geschichten im allgemeinen und entspanne gern in der Sauna.

Wie kamst Du zum Schreiben? Oder anders gefragt: wolltest Du schon immer schreiben?
Als Kind habe ich mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht, aber nur im Kopf damit herumgespielt, nie was aufgeschrieben. Ich glaube, mein erstes richtiges Buch habe ich erst mit sage und schreibe vierzehn Jahren gelesen. Aber Film und Fernsehen haben meine Phantasie schon vorher kräftig angeregt. Mit fünfzehn oder sechzehn Jahren habe ich dann begonnen, sporadisch Kurzgeschichten zu schreiben, allerdings eher im Science-fiction oder Fantasy-Genre. Später wurden die Projekte dann länger, bis ich mir schließlich vornahm, einen ganzen Roman zu schreiben. "Hexentage" ist im Grunde mein dritter Roman. Der erste erschien selbstfinanziert, der zweite liegt heute noch in der Schublade.

Der historische Roman boomt nach wie vor in Deutschland. War es somit leichter für Dich mit Deinem historischen Roman "Hexentage" einen Verlag zu finden? Oder ist es das alte Kreuz, das sich deutsche Autoren die Hacken nach einem Verlag ablaufen müssen?
Die ersten beiden Romane brachten mir jeweils ungefähr 35 Absagen namhafter Verlage ein. Der erste war ein Science-fiction-Projekt, der zweite historisch mit Fantasy-Einflüssen. Ich glaube, mit diesen Genres ist es doppelt schwer, einen Verlag zu finden, weil es nur spezielle Käuferschichten dafür gibt. Historische Romane jedoch werden von jung und alt gelesen, natürlich in der Mehrzahl von Frauen. Alles in allem vermute ich schon, dass es "Hexentage" da etwas einfacher hatte. Das Thema Hexen vermittelt sofort eine gewisse Dramatik. Im Endeffekt war aber ausschlaggebend, dass mich eine große Literaturagentur unter Vertrag genommen hat, die solche Projekte weitaus leichter in einem Publikumsverlag unterbringen kann, als ein Autor ohne diese Unterstützung.

Was reizt Dich an historischen Romanen im allgemeinen und in Bezug auf Deinen Roman an Hexenprozessen?
Das Abtauchen in eine vergangene Epoche, in der vieles, was uns völlig abstrus erscheint, ganz selbstverständlich war. Z. B. der Aberglauben, der zu früheren Zeiten viel ernster genommen wurde. Und Hexenprozesse bergen einfach ein großes Potenzial an Dramatik und Konflikten in sich, ohne die ein Roman nicht auskommt. Man fesselt einen Leser am besten, indem man über Ungerechtigkeiten schreibt, über Menschen, die zu Boden fallen und anschließend über sich hinauswachsen.

War es schwierig für "Hexentage" zu recherchieren und wie bist Du vorgegangen?
Zunächst habe ich mit einem etwa 1000seitigem Sachbuch mein Wissen über das Leben in der frühen Neuzeit aufgefrischt. Mit dieser Grundlage habe ich dann nach Informationen über die Hexenprozesse im allgemeinen gesucht und später speziell über die Prozesse in Osnabrück. Zu meinem Glück gab es eine ausführliche Abhandlung über den Ameldung-Prozess, in dem alle Fakten und Vorgehensweisen erläutert wurden. Diese fußten auf den originalen Ratsprotokollen, so dass die Informationen wohl recht verlässlich sind. Und natürlich habe ich auch die Orte aufgesucht, die im Buch eine wichtige Rolle spielen, z. B. den Bucksturm oder das Gertrudenberger Kloster.

Wie sehen Deine weiteren Pläne aus? Wird es bald mehr von Michael Wilcke geben? Könntest Du Dir einen Genre-Wechsel vorstellen oder bleibst Du dem historischen Roman treu?
Im Moment arbeite ich an einem neuen historischen Roman, der ebenfalls zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielt, aber nicht in Osnabrück. Mehrere historische Ereignisse werden darin vorkommen, aber auch eine Liebesgeschichte. Zurzeit fühle ich mich beim historischen Roman recht wohl, deshalb nehme ich an, dass ich ihm vorerst treu bleiben werde. Aber vielleicht ergibt sich ja auch irgendwann einmal die Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren. Man soll niemals nie sagen.

Welche Erfahrungen hast Du als junger Autor mit der deutschen Verlagswelt gemacht?
Dass in der Planung der Verlagsprogramme genau auf die potenziellen Käuferschichten geachtet wird. "Hexentage" zum Beispiel wurde von der Aufmachung her sehr stark in die Richtung Liebesroman geschoben, obwohl ich das Buch eher als Justizdrama sehe. Aber ein Verlag geht mit einem solchen Projekt natürlich auch immer ein finanzielles Risiko ein, vor allem bei unbekannten Autoren. Auch die Story für den nächsten Roman stammt wie bei "Hexentage" einzig und allein von mir; der Verlag wies nur darauf hin, dass es möglichst in Europa und während des Mittelalters spielen sollte. Damit kann ich leben.

Hast Du schon Lesungen abgehalten? Wie ist überhaupt das Gefühl mit seinem ersten Roman an die Öffentlichkeit zu gehen? Fragen zu beantworten, nicht mehr nur für sich zu schreiben.
Es ist besser, sich nicht vor Augen zu halten, dass statt wie bislang zehn nun vielleicht zehntausend Leute die Texte lesen werden, die man gerade runterschreibt. Das setzt einen nur unnötig unter Druck. Was Lesungen betrifft, habe ich hier in Osnabrück zwei Stadtgänge zusammen mit einem Stadtführer abgehalten. Wir sind einige Orte aus dem Buch abgegangen, der Stadtführer hat über die Osnabrücker Hexenprozesse erzählt und ich habe betreffende Stellen aus dem Buch vorgelesen. Das Interesse war sehr groß; bei jeder Führung waren etwa fünfzig Leute dabei. Ist schon ein komisches Gefühl, denn eigentlich bin niemand, der unbedingt im Mittelpunkt stehen muss.

Kommst Du neben Deiner Arbeit noch zum Lesen? Wenn ja, was liest Du gerade und welches sind Deine Lieblingsautoren?
Natürlich lese ich viel, wenngleich ich kein Schnellleser bin. Zumeist brauche ich drei bis vier Wochen für ein Buch, aber sobald ich eines durch habe, fange ich mit dem nächsten an. Zurzeit lese ich "Das Pesttuch" von Geraldine Brooks, das ich wirklich grandios finde. Parallel habe ich gerade begonnen, einen PDF-Ausdruck des Romans "Der Tribun" von meiner Autorenkollegin Iris Kammerer zu lesen, der im April bei Heyne erscheinen wird. Meine Lieblingsautoren sind Ken Follett und Noah Gordon, der sich leider ein wenig rar gemacht hat.

Vielen Dank für das tolle Interview!