Interview mit Michelle Raven

Interview mit Michelle Raven (April 2004)



Veröffentlichungen:

  • Canyon der Gefühle (2002)
  • Riskante Nähe (2003)
  • Eine unheilvolle Begegnung (2004)



Auch wenn Dich viele als "normale Leserin" aus dem romantischen Bücherforum kennen, stelle Dich doch ein wenig den Besuchern der Bücherkiste vor. Deine Hobbys, Familie, etc.
1972 in Hannover geboren und dort aufgewachsen verbrachte ich fast mein gesamtes bisheriges Leben in der niedersächsischen Landeshauptstadt. 2001 zog ich beruflich bedingt nach Köln. Ich bin Diplom-Bibliothekarin und arbeite ganztags als Leiterin einer Institutsbibliothek, daher kann ich derzeit nur in meiner Freizeit schreiben. Ein weiteres zeitverschlingendes Hobby ist Lesen, am liebsten natürlich Liebesromane, aber auch Krimis und Fantasy lese ich sehr gern. Früher habe ich mich häufig kunsthandwerklich betätigt, von Zeichnungen über Puppen bis hin zu Tiffany war eigentlich alles dabei. Leider habe ich im Moment nicht mehr genug Zeit dafür. Außerdem liebe ich es, mit meinem Mann zu verreisen, eines meiner Lieblingsziele ist der (Süd-) Westen der USA. Videofilmen und -schneiden gehört für mich zu meinen Urlauben dazu, genau wie das Stöbern in unzähligen Reiseführern.

Du bist einen eher ungewöhnlichen Weg als Autorin gegangen. Deine ersten beiden Romane "Canyon der Gefühle" und "Riskante Nähe" erschienen im Spezialclub "Moments", der mittlerweile als Idee verkauft wurde und nun als Verlag "Moments" weitergeführt wird. Wie kam es zum Kontakt mit Moments und wie kamst Du überhaupt zum Schreiben?
Ich würde nicht sagen, dass mein Weg ungewöhnlicher war als der anderer Autoren, schließlich sind deutsche Autoren generell Quereinsteiger. 1999 habe ich mit dem Schreiben begonnen, davor habe ich Liebesromane gelesen, aber nie daran gedacht, selber einmal einen Roman zu schreiben. Die Idee zu 'Canyon der Gefühle' kam mir, als ich in einem Reiseführer über den Südwesten der USA blätterte und dabei auf den Arches National Park stieß und ein Bild des Fiery Furnace, ein Schluchtenlabyrinth aus Buntsandsteinsäulen, betrachtete. Ich überlegte mir was wäre wenn dort eine Frau herumirren und von einem Ranger gerettet werden würde. In den nächsten Monaten und Jahren kamen mir immer mehr Ideen zu der Geschichte. Insgesamt drei Jahre habe ich daran geschrieben, allerdings mit langen Pausen dazwischen. Irgendwann gab ich Ina (den Lesern aus dem Romantischen Bücherforum und dem Romantic Suspense-Forum sicher gut bekannt) ein paar Kapitel zu lesen. So lief das einige Monate, bis ich irgendwann mit dem Buch fertig war und Isolde Wehr, als Herausgeberin des Moments-Programms beim Bertelsmann Club beschäftigt, zur gleichen Zeit zufällig ein Manuskript einer deutschen Autorin benötigte. Ich habe meine Geschichte hingeschickt, sie gefiel Isolde und das Buch wurde als Oktober-Premiere 2002 herausgebracht. An 'Riskante Nähe' habe ich dann nur noch 4 Monate geschrieben, das Manuskript an Isolde geschickt und sie war sofort begeistert.

Woran arbeitest Du gerade? Kannst Du uns einen Ausblick auf weitere Bücher geben?
Derzeit arbeite ich an einem Buch, das wieder im Südwesten der USA spielt. Es ist ein Roadmovie mit einer Heldin, die genau weiß was sie will - und mehr bekommt, als sie gedacht hätte. Für ihr Mundwerk benötigt sie einen Waffenschein, während der Held eher schweigsam ist und eigentlich nicht so recht weiß was er mit ihr anfangen soll. Außer das Offensichtliche, natürlich. ;-) Dann habe ich noch den nächsten Hunter-Roman in Arbeit, er spielt in Washington, DC und es kommen natürlich auch wieder einige andere Mitglieder der Familie darin vor. Mein viertes Buch, das in Südafrika und am Grand Canyon spielt, ist bereits fertig und auf Verlagssuche.
Ich habe noch einige mehr oder weniger ausgearbeitete Buchideen in meinem Computer, die ich nach und nach schreiben werde. Natürlich kann ich darüber derzeit noch nicht viel sagen, außer, dass natürlich die restlichen Hunters dabei sind, Zach Murdock, einige SEALs und natürlich plane ich auch für einige andere Nebenfiguren noch Geschichten. Leider kann ich - auch durch meine beruflichen Verpflichtungen bedingt - nicht so schnell schreiben wie ich gerne möchte, also müssen sich meine Leser leider noch eine Weile gedulden.

Du bist selber begeisterte Liebesromanleserin. Ist dies auch der Grund dafür, dass Du ausgerechnet Liebesromane schreibst? Könntest Du Dir vorstellen auch einmal etwas anderes zu schreiben?
Ja, ich liebe Liebesromane, vor allem solche, die mit Spannung verbunden sind. Deshalb war auch die erste Geschichte, die mir einfiel, eine Story mit viel Liebe und einem guten Schuss Nervenkitzel. Derzeit könnte ich mir nicht vorstellen etwas anderes zu schreiben, aber wer weiß schon was in einigen Jahren ist.

Was reizt Dich am Liebesroman und hier besonders an Romantic Suspense?
Der Liebesroman ist für mich eine Möglichkeit, die Leser (und natürlich auch mich selbst) mit einer interessanten, kurzweiligen Geschichte zu unterhalten, die am Ende (natürlich erst nach vielen Verwicklungen) positiv ausgeht. Ich will nicht mit erhobenem Zeigefinger die Leser zu irgendwelchen geistigen Verrenkungen zwingen, sondern einfach nur ein paar spannende, erfreuliche Stunden schenken, in denen sie in eine andere Welt eintauchen können. Romantic Suspense ist genau das was ich auch sehr gerne lese: spannende Geschichten gepaart mit heißer Liebe. Meine Helden werden durch Ereignisse zusammengeworfen, die außerhalb ihrer Macht liegen und durch die sie sich hindurchkämpfen müssen bevor sie zu ihrem wohlverdienten Happy End kommen. Ich habe nicht besonders viel Geduld mit Romanhelden, die sich und ihrem Glück selbst im Weg stehen, daher mag ich es wenn der Konflikt nicht in Missverständnissen oder Eifersüchteleien liegt, sondern es Hindernisse gibt, die so groß scheinen, dass fast bis zum Ende nicht klar ist, ob sie überhaupt (relativ) ungeschoren davonkommen werden.

Deine Liebe zum Süd-Westen Amerikas ist offensichtlich. Du warst selbst schon einige Male dort und es gibt wunderbare Fotos auf Deiner Homepage. Was reizt Dich an der Landschaft, die bisher auch schon öfters als Setting Deiner Romane benutzt wurde?
Um nicht gleich wieder einen Roman über den Südwesten und die Landschaft dort zu schreiben, versuche ich mich jetzt kurz zu halten. ;-) Die Landschaft im Südwesten ist einfach gewaltig, man kommt sich als Mensch ziemlich winzig und unwichtig vor, wenn man inmitten der riesigen Steinformationen steht, die in Millionen von Jahren von Wasser, Vulkanismus und/oder Wetter gebildet wurden. Der Westen der USA ist übersät mit einzigartigen, grandiosen, vielfältigen National Parks, für die man Jahre bräuchte um sie alle in Ruhe zu besuchen. Ich kann jedem nur empfehlen sich die Gegend selber anzuschauen, es lohnt sich wirklich. Mitunter ist es in den Parks zwar an den gut erreichbaren Sehenswürdigkeiten recht voll, aber man braucht wirklich nur ein paar hundert Meter weiter zu gehen und schon steht man alleine am Rand des Grand Canyons (um ein Beispiel zu nennen). Die roten Steinlandschaften des Arches, die Wälder und heißen Quellen des Yellowstone oder auch die wüste Landschaft des Colorado Plateaus bilden interessante, farbige Hintergründe für die Geschichten, die ich erzählen möchte. Ich lebe zwar in Städten, aber im Urlaub zieht es mich immer in die Natur. Diese Liebe habe ich wohl auf meine Romanfiguren übertragen.

Das Schreiben betreibst Du momentan noch neben Deinem Hauptberuf der Bibliothekarin. Hast Du überhaupt genug Zeit zum Schreiben und wie bringst Du Schreiben, Beruf und Familie unter einen Hut? Könntest Du Dir vorstellen, Deinen Beruf einmal für das Schreiben aufzugeben? Wissen Deine Kollegen von Deinem "Nebenjob" und was halten sie davon?
Wieviel ist genug Zeit? Derzeit schreibe ich ein Buch in ungefähr einem halben Jahr. Ich denke, das gibt mir, aber auch den Lesern, genug Zeit, sich ein wenig vom vorhergegangenen Buch zu distanzieren. Recherche und das Sammeln von Ideen braucht auch ein wenig Zeit, ich glaube wenn ich zu schnell schreiben würde, würden mir einige gute Ideen verloren gehen. Mein Arbeitspensum sieht momentan so aus, dass ich ganztags arbeite, dann nach Hause komme, esse und mich danach meist sofort wieder an den Computer setze und schreibe bis entweder etwas Interessantes im Fernsehen kommt (eher selten) oder ich ins Bett gehe. Am Wochenende habe ich etwas mehr Zeit, aber wenn mir die Stunden dann wieder durch die Finger rinnen, ohne dass ich etwas geschrieben hätte, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Trotzdem würde ich meinen Beruf nicht aufgeben, im Moment habe ich als Leiterin einer Institutsbibliothek einen sehr interessanten Arbeitsplatz. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen den ganzen Tag nur zu Hause zu sitzen und zu schreiben. Ich brauche die Abwechslung. Außerdem ist es auch sehr schwierig in Deutschland als Liebesromanautorin vom Schreiben zu leben, den Stress will ich mir nicht antun. Meine Kollegen an der Universität wissen nichts von meinem 'Hobby' und ich lege es auch nicht unbedingt darauf an, dass sie es herausfinden.

Du hast bereits auch einige Lesungen veranstaltet. Wie ist es, wenn man nun aus dem eher abgekapselten Schreibprozess hinaus geht und sich mit seinen Lesern trifft? Deine Schriftstellerkarriere kam ja auch sehr unerwartet und plötzlich. Ist der ganze Wirbel mittlerweile normal für Dich geworden oder ist es immer noch neu und aufregend?
Von Karriere kann keine Rede sein und Wirbel habe ich auch noch nicht erlebt. Da meine erste Lesung bereits zwei Wochen nach Erscheinen meines ersten Buches stattfand, wurde ich ziemlich schnell ins kalte Wasser geworfen. Also musste ich mich sehr schnell daran gewöhnen, dass ein wenig Öffentlichkeitsarbeit heute einfach dazu gehört. Deshalb habe ich auch bereits zur Veröffentlichung meines ersten Buches meine Homepage ins Internet gestellt (www.michelleraven.de) über die ich den Lesern Neuigkeiten mitteilen kann und über die sie auch Kontakt zu mir aufnehmen können. Ich finde es schön, wenn ich meine Leser persönlich treffen kann, allerdings sind mir private Gespräche lieber als Massenveranstaltungen mit viel Publikum und wenig Zeit mich wirklich mit den Lesern zu unterhalten. Natürlich bin ich immer noch aufgeregt, wenn ich eine Lesung halten soll und ich denke, das wird sich auch in nächster Zeit nicht ändern. Es ist so ruhig um mich, dass ich sehr gut auch weiterhin meiner Arbeit und auch dem Schreiben nachgehen kann, ohne dass es mich sehr belastet. Natürlich ist es sehr aufregend, ein Buch zu veröffentlichen und dann die ersten Reaktionen der Leser zu 'hören'. Ich hatte bisher sehr viel Glück und überwiegend sehr positive Rezensionen und sehr nette Mails oder Forumsnachrichten. Überhaupt habe ich bisher sehr viel Unterstützung durch die Bücherforen (allen voran das 'Romantische Bücherforum') erhalten und zwar seit dem Moment als ich das erste Mal erzählt habe, dass ich 'Canyon der Gefühle' geschrieben habe. Auf diesem Wege noch einmal vielen Dank dafür!

Erzähle uns doch ein wenig von Deinem Autoren-Alltag. Wie schreibst und recherchierst Du? Was findest Du schwierig und was geht Dir leicht von der Hand?
Meist dauert es einige Zeit bis ich mit dem Schreiben anfange. Irgendwann habe ich eine Idee, sammele einige Ereignisse, die in der Geschichte passieren könnten, denke mir aus wie die Personen aussehen, was sie von Beruf sind, was für Eigenschaften sie haben, was sie antreibt. Dann lasse ich meine ersten Ideen und Ausarbeitungen 'sacken' (das können auch durchaus einige Monate bis Jahre sein), notiere mir aber zwischendurch neue Ideen dazu. Wenn ich dann irgendwann denke, ich habe genug gesammelt um mit dem Schreiben beginnen zu können, rufe ich ein neues Dokument auf und fange an. Ich schreibe chronologisch, also das Buch von vorne nach hinten durch. Natürlich habe ich vorher schon Ideen zu Ereignissen die später geschehen, aber ich könnte nie einen homogenen Handlungsablauf erstellen, wenn ich die Geschichte nicht genau so schreiben würde wie sie passiert. Den Handlungsort suche ich mir sehr genau aus und sammle dazu Informationen aus Reiseführern, Karten und dem Internet - und natürlich auch aus meinem Gedächtnis. Wenn ich dieses Grundgerüst habe, recherchiere ich danach meist, wenn ich an die jeweilige Stelle im Buch komme. Das Internet ist wirklich eine tolle Erfindung, man kann zu fast jedem Thema etwas finden. Schwierig finde ich es, vor einer leeren Seite zu sitzen und anfangen zu müssen zu schreiben. Ich habe mir angewöhnt, wenn möglich mitten in einer Szene aufzuhören (manchmal sogar mitten in einem Satz) weil ich dann schneller wieder in die Geschichte hineinfinde und bereits weiß wie es weitergehen soll. Außerdem sind Übergangsszenen für mich nicht einfach zu schreiben. Was bei mir schnell und leicht geht sind Actionszenen und Liebesszenen, bei denen ich immer viel Spaß habe.

Durch das Lesen von Liebesromanen und den Austausch im romantischen Bücherforum bist Du immer gut über den Liebesromanmarkt informiert. War das beim Schreiben und veröffentlichen für Dich ein Vorteil? Mittlerweile bist Du zudem Mitglied bei Delia, der Vereinigung deutscher Liebesromanautoren, die ebenfalls viel tut, um die Akzeptanz von Liebesromanen zu fördern.
Es ist natürlich von Vorteil zu wissen was die Leser gerne mögen und welche Art von Büchern sie am Liebsten lesen. Allerdings hat das für mich keinerlei Einfluss auf das was ich schreibe, denn da kann ich nur danach gehen was mir selber gefällt. Gefällt es mir nicht, kann ich auch nicht darüber schreiben. Wenn man selber viel liest und auch Liebesromane liest, lernt man dabei natürlich auch ein wenig über den Aufbau der Romane, man kann gut herausfinden, was einen selbst berührt. Mit dem Veröffentlichen hat das aber wenig zu tun. Denn auch wenn in den Foren sehr viele Liebesromankenner und -liebhaber sind, ist es doch nur ein kleiner Teil der Käuferschicht. Wenn im Forum viele Leser meine Bücher mögen, heißt das nicht zwangsläufig, dass die Bücher auch außerhalb des Internets Abnehmer finden. Und es ist nun einmal ein Fakt, dass in Deutschland historische Romane einfach am Besten laufen. Trotzdem werde ich weiterhin Romantic Suspense schreiben, denn das ist es was mich interessiert. Ich bin Gründungsmitglied von DeLiA. Inzwischen sind wir schon 29 Autoren und wachsen stetig weiter. Es ist wirklich eine tolle Sache, andere Autoren zum Austausch zu haben, seien es Recherchefragen, schreibtechnische Fragen oder Informationen zu Verlagen, irgendjemand kann immer helfen. Außerdem hilft die Vereinigung auch dabei einen besseren Überblick über das Verlagswesen, rechtliche Fragen oder das Autorendasein zu haben.

Hast Du eine Lieblingsautorin? Was liest Du gerade?
Ich habe mehrere Autoren die ich sehr gerne lese, zum Beispiel Linda Howard, Suzanne Brockmann, Iris Johansen und Karen Robards. Derzeit lese ich gerade 'Mercy' von Julie Garwood, und ich muss sagen, dass es mir bisher sehr gut gefällt.

Vielen Dank für das Interview!
Bitte, gern geschehen.