Nikola Hahn - Die Farbe von Kristall

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Online Christiane

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Nikola Hahn - Die Farbe von Kristall
« am: 08. März 2017, 10:15:24 »
[isbn] 978-3548261706[/isbn]

Klappentexte:
Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Der mysteriöse Raubmord an Klavierhändler Lichtenstein sorgt in Frankfurt für Aufregung und Schlagzeilen. Die polizei tappt im Dunkeln. Erst durch die Recherche der jungen Polizeiassistentin Laura Rothe kommt Kommissar Richard Biddling in seinen Ermittlungen einen entscheidenden Schritt weiter. Noch ahnt er nicht, dass eine Spur in seine eigene Vergangenheit führt.

Mein Eindruck:
Der Einstieg in diesen historischen Krimi ist recht gemächlich. Über mehrere kurze Kapitel werden die Protagonisten eingeführt. Man muss dem Buch daher ein wenig Zeit geben sich zu entwickeln, aber bei einem fast 800 Seiten starken Werk kann man sich diese Zeit nehmen. Der Schreibstil ist angenehm, die mundartlichen Anteile sind so dosiert, dass sie nicht stören. Das ist der Autorin wirklich gut gelungen. Die Hauptfiguren sind sympathisch und mit dem ein oder anderen wird man auch gleich warm. Gefallen hat mir, dass die Charaktere vielschichtig sind, nicht zu eindimensional ‚gut‘ oder ‚böse‘, sondern sehr realitätsnah ihre Stärken und Schwächen haben. Allerdings gibt es immer wieder Momente wo ich das Gefühl hatte, dass bestimmte Wesenszüge doch etwas zu übertrieben dargestellt wurden und die Personen dadurch an Authentizität verlieren. Hier sei als Beispiel der Kommissar Biddling genannt, bei dem ich nie nachvollziehen konnte warum er sich so wenig mit seiner Frau austauscht. Auch die junge Polizeiassistentin Rothe handelt teilweise nicht nachvollziehbar dämlich. Frauen haben zur damaligen Zeit noch größte Probleme im Berufsleben Fuß zu fassen und von vornherein stellt sie klar, wie wichtig ihr der Beruf ist und dass daher eine Liebschaft für sie nicht in Frage kommt. Nur um sich wenige Seiten weiter mit dem erstbesten gockelnden Kollegen einzulassen. Diese Beziehung ist in keiner Weise nachvollziehbar und hat mich so gestört, dass die Note auf die 2 gerutscht ist.
Der Kriminalfall ist verwickelt, aber letztlich nachvollziehbar. Hier muss ich anmerken, dass ich erst zu spät erfahren habe, dass es noch einen ersten Band zu diesem Buch gibt. Wenn ich den vorher gelesen hätte wäre mir vermutlich noch das ein oder andere verständlicher gewesen. So oder so bietet das Buch solch unerwartete Überraschungen, dass es einen nur begeistern kann. Selbst wenn diese Begeisterung auch schon mal getrübt ist durch den Verlust einer sympathischen Figur – aber hier will ich natürlich nicht zu viel verraten. Die Einblicke in die Polizeiarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind sehr interessant. Die Diskussionen um Methoden wie den Vergleich von Fingerabdrücken oder die normierte Gesichtsbeschreibung sind auf amüsante Weise in die Geschichte eingebaut.
Immer wieder sind alte Zeitungsartikel zu den realen Kriminalfällen aus der ‚Frankfurter Zeitung‘ eingestreut, die den Hintergrund des Buches bilden. Das ist richtig gut gelungen und macht es dem Leser leichter, sich in die spannende Zeit der Jahrhundertwende einzufühlen. Der Stadtplan von Frankfurt am Beginn des Buches ist optisch schön und aus der passenden Zeit, aber leider so klein, dass er einem letztlich als Orientierung in der Stadt wenig nützt. In Epilog und Anhang findet man noch etliches an Informationen zum geschichtlichen Hintergrund der historischen Personen und zu den Zusammenhänge. Leider fehlt aber ein Personenregister der fiktiven Charaktere, so dass ich öfter mal zurückblättern, Verwandtschaftsbeziehungen nochmal nachlesen und mir Notizen machen musste.
Über weite Strecken entwickelt sich das Buch ohne allzu großes Tempo ohne dabei langweilig zu sein und wird zum Ende hin richtig spannend, so dass ich es gar nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ich hätte die Hauptpersonen gern noch weiter begleitet, um zu erleben wie es ihnen weiter ergangen ist.


Fazit:
‚Die Farbe von Kristall‘ ist ein sehr gelungener facettenreicher historischer Krimi. Einige kleinere Schwächen stören im Gesamtbild wenig. Man kann sich gut in die damalige Zeit einfühlen, erfährt einiges über die Lebensumstände der Menschen. Die Charaktere sind so lebendig und einige so sympathisch, dass man sich am Ende nur ungern von ihnen trennt. Begeistert hat mich das Buch auch weil es mich mit einigen Wendungen total überraschen konnte.

Note: 2+

Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)