Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau

  • 9 Antworten
  • 2556 Aufrufe

Offline Christiane

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 4911
Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« am: 19. Februar 2017, 16:50:56 »
[isbn]978-3958692770[/isbn]


Klappentext:
Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Antonia kommt mit ihrer Familie aus dem Urlaub, und plötzlich leben mehrere hundert Flüchtlinge nebenan.
Klar – irgendwo müssen sie unterkommen. Aber ausgerechnet hier?
Doch dann trifft Toni auf Shirvan. Und mit jeder skeptischen Frage, die sie ihm stellt, wird die Sache verzwickter.


Cover:
Das Cover ist nicht im herkömmlichen Sinne schön, mit der eher düsteren Farbgebung und dem Stacheldraht, aber es ist so besonders, dass es den Blick auf sich zieht. Und es spiegelt den Inhalt des Buches, die Mischung aus Schönheit und Gefahr, aus Verlust und Hoffnung eindrucksvoll wieder. Ich hab lange kein so passendes und berührendes Buchcover gesehen.

Mein Eindruck:
Der Einstieg in die Geschichte ist geschickt inszeniert: Antonias Familie fährt in den Urlaub und die Mutter wünscht sich drei Wochen komplett ohne digitale Medien, ohne Fernsehen und Internet. So werden sie bei der Rückkehr mit vollendeten Tatsachen konfrontiert. Für sie quasi ‚über Nacht‘ ist direkt gegenüber von ihrem Haus ein großes Flüchtlingslager entstanden. So ist der Schock groß und die ambivalenten Gefühle dazu kommen umso klarer und ungefilterter an die Oberfläche. Das macht viele Szenen glaubwürdiger, die man sonst in dieser plakativen Form als zu klischeehaft kritisieren würde.

Natürlich erkennt man schnell, dass hier verschiedene Strömungen unserer Gesellschaft auf sehr pointierte Art in den Personen der Handlung widergespiegelt werden. Das macht sie zum Teil etwas eindimensional (hier als Beispiel Antonias Vater und Bruder). Die Hauptfiguren, vor allem Toni und Shirvan, sind sympathisch, haben aber auch ihre Ecken, Kanten und Probleme mit sich und anderen. Mit ihnen kann man sich identifizieren und mitfiebern. Besonders gut gefällt mir, dass die Flüchtlinge nicht einseitig als die ‚besseren Menschen‘ dargestellt werden sondern als eine heterogene Gruppe, in der verschiedenste Charaktere, soziale Gruppen, Bildungsniveaus vertreten sind und sich da in nichts von unserer Gesellschaft unterscheidet. So stellen Toni und Fee fest, dass einige der Jugendlichen z.B. prima Englisch sprechen, ähnliche Hobbies haben und genau wie sie gern youtube-Videos schauen. Umso bedrückender ist es dann, wenn sie feststellen wie anders das Leben der Flüchtlinge verlaufen ist und wieviel Schlimmes sie erleben mussten. Das macht die Situation dieser Menschen plötzlich unmittelbar spürbar und genau hierin liegt eine der ganz großen Stärken dieses Buches. Eigene Erfahrungen in der aktiven Flüchtlingshilfe und das intensive persönliche Engagement von Jennifer Benkau werden im Buch lebendig.
Die Kombination von stimmiger, durchaus spannender Handlung, kleiner Lovestory fürs jugendliche Publikum und unglaublich vielen gut recherchierten Informationen und Hintergrundwissen ist hervorragend gelungen. ‚Es war einmal Aleppo‘ ermöglicht es dem Leser auf kurzweilige Art Einblicke in die aktuellen Geschehnisse zu bekommen, ähnlich wie es gute historische Romane für vergangene Epochen leisten. Komplexität und Schreibstil passen dabei m.E. gut für ein Buch, das sich in erster Linie an jüngere Leser wendet.


"Das Wort zum Sonntag":
Dies Buch ist mein Lesehighlight des Jahres 2016. Aktuell, bestens recherchiert, packend geschrieben. Eine spannende, anrührende Geschichte mit glaubwürdigen Protagonisten. Eindringlich geschilderte Realität der Flüchtlinge in Deutschland. Auseinandersetzungen mit Ängsten, Vorurteilen, Fragen der Bevölkerung hier. Viel Stoff zum Nachdenken und für Diskussionen.
Dies Buch lässt einen nicht mehr los.

Note:
mit *
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Inge78

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 5115
  • Ryle hira - life is what it is
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #1 am: 20. Februar 2017, 07:31:33 »
Danke für die tolle Rezi  :schmusen:

Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Offline Inge78

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 5115
  • Ryle hira - life is what it is
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #2 am: 20. Februar 2017, 07:37:41 »
Dann reiche ich mal meine Rezi nach

All-Age Roman der Nachdenklich stimmt und zum Handeln bewegt

Antonia, genannt Toni, und ihre Familie kommen aus dem Urlaub wieder und aus dem alten Tennisclub gegenüber ihrem Haus ist eine Flüchtlingsunterkunft entstanden. Widersprüchliche Gefühle der Familie führen den Leser an das Thema "Flüchtlinge in Deutschland" heran.

Toni lernt bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit den 18-jähringen Syrer Shirvan kennen der ihr nach und nach seine Geschichte erzählt , die Geschichte einer Kindheit und Jugend in der wunderschönen Stadt  Aleppo. Eine Jugend die sich gar nicht so sehr von unserer Jugend unterscheidet wie man vermeintlich denkt.  Bis sich das Leben der Menschen in Aleppo, in ganz Syrien nach und nach in einen Alptraum verwandelt.

Ich bin ziemlich erschrocken wie viele Wissenslücken ich habe. Man schaut die Nachrichten, man hört und liest von Assad , vom IS, von Kurden und syrischen Rebellen. Oberflächlich betrachtet weiß ich noch nicht mal wer "die Guten" sind. Auch nach Beendigung des Buches kann ich das immer noch nicht sagen aber ich habe viele Dinge besser verstanden und das Buch bewegt mich dazu ,mehr nachzulesen, mich noch besser zu informieren. Ich schaue Nachrichten wieder bewusster, schaue hin ,was passiert. Das Buch inspiriert dazu zu helfen, sich zu engagieren.

Toni und Shirvan kommen dem Leser sehr nach beim Lesen, ich habe mit ihnen gelacht aber noch viel öfter sind mir das Lachen und die Tränen im Hals stecken geblieben. Niemals werde ich in meiner komfortablen kleinen sicheren Welt nachvollziehen können wie ein Leben in einem Kriegsgebiet sich anfühlt, wie schwer die Entscheidung zur Flucht sein muss und wie entbehrungsreich und hart diese Flucht sein muss. Aber Jenny Benkau schafft mit ihren Worten so eine dichte Atmosphäre und eine zeitweise so düstere Stimmung dass man sich als Leser fast fühlt als wäre man mittendrin.

Auch das Chaos in der Flüchtlings Erstunterkunft hat mich erschreckt, ich kann aber auch hier nachvollziehen wie schlecht die Helfer vorbereitet waren . Hochachtung an Alle die geholfen haben und immer noch helfen.

"Es war einmal Aleppo" ist ein Jugendbuch , das merkt man, im Schreibstil und in der Art wie Fakten präsentiert werden. Jedoch auch als Erwachsene fühlte ich mich sowohl unterhalten als auch informiert. Teilweise konnte man den erhobenen Zeigefinger regelrecht sehen , die Intention der Autorin fühlen und ich hoffe wirklich sehr dass viele Menschen dieses wunderbare und so wichtige Buch entdecken und lesen und daraus lernen und Konsequenzen ziehen. Der "braune Mob" war im Buch erschreckend genug und ich hoffe darauf dass es mehr intelligente und mitfühlenden Menschen gibt die sich ihm im wahren Leben friedlich gegenüberstellen. Man kann schon im Kleinen so viel tun, lasst uns einfach anfangen.

Meiner Meinung nach sollte das Buch Pflichtlektüre in Schulen werden den es ist ein wunderbarer Denkanstoß und ein Aufruf für Zivilcourage und Hilfe die jeder von uns leisten kann. 

 

 
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Offline Christiane

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 4911
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #3 am: 20. Februar 2017, 07:44:34 »
Inge, das hast Du ganz toll geschrieben. Du hast all das in Worte gefasst das mir auch im Kopf herum ging, von dem ich dann aber nicht so recht wusste wie ich es in die Rezi packen soll  :rollen:. Dafür vielen Dank  :knuddel:.
Ich finde wie Du, dass das Buch in den Schulen gelesen werden sollte.

Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Inge78

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 5115
  • Ryle hira - life is what it is
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #4 am: 20. Februar 2017, 08:03:08 »
Es war auch echt nicht einfach eine Rezi zu schreiben zu dem Buch  :kopfkratz:
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Offline SilkeS.

  • Kaminkehrer
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 2269
    • SilkeS. SUB
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #5 am: 20. Februar 2017, 15:50:41 »
Na dann reihe ich mich doch auch noch ein:

Meine Meinung.
Ich hatte das große Glück, das Buch in einer Autorenbegleiteten Leserunde zu lesen zu können.
Das war gut so, denn dadurch erlebt man das Buch noch intensiver, als das Buch so schon wäre.
Die Autorin hat es geschafft, ihr Wissen, durch eine 14 monatliche Recherche zu dem Buch, durch Interviews, das Arbeiten in einer Notunterkunft  oder durch geführte  Gespräche, in eine Geschichte zu verpacken, die sich zum einen super gut und spannend lesen lässt.
Zum anderen  bringt es Informationen über die Menschen, die Schicksale hinter den „Flüchtlingen“, das viele politischen Hintergrundwissen, was man nicht über die Medien erfährt.
Denn bei Buch merkt man, eben wie wenig man wirklich weiß.
Die Geschichte, die erzählt wird ist authentisch, da ist nichts übertrieben, sondern das sind die Schicksale der Flüchtlinge. Es ist harte Kost, es war für mich teilweise schwerer zu ertragen, als ein knallharter Psychothriller und ich habe mich fremdgeschämt in manch einer Szene.
Aber das Buch wirkt aufrüttelnd,  dass man einfach mal aus seiner Denkweise ausbrechen , mal über den Tellerrand zu schauen, mal mehr toleranter zu sein sollte
Das Buch hat mich ein paar Schlaflose Nächte gekostet, denn auf der einen Seite musste ich das viele gelesene, durch den Austausch mit der Autorin, die wirklich viel sehr viel Hintergrund wissen mit eingestreut hat, verarbeiten. Zum anderen wollte ich über das Gelesene reden, wollte mich austauschen, meinen Unglauben über manche eine Behandlung Luft machen, wollte mir Trauer und Kummer von der Seele schreiben…
Die Geschichte wird aus Sicht von Antonia, genannt Toni geschrieben.  Sie ist 16  und von Ihren Eltern zu einem toleranten, hilfsbereiten, mutigen Mensch erzogen worden, der sich auch gegen den Willen der Eltern, über den Zaun blickt, dort Missstände entdeckt, der anpackt  und hilft. Sie hat mir super gut gefallen und Sie war wunderbar charakterisiert.
Ihr an der Seite steht ihre beste Freundin Fee, mit der sie zusammen einen Blog betreibt und hier auch mit Bildern und Beiträgen öffentlich macht, was da hinter der Absperrung zu dem in eine Notunterkunft umgewandelten Tennisanlage vor sich geht.
Gemeinsam machen sie sich stark, machen auf Defizite aufmerksam, sammeln Spenden, machen das Leben der Flüchtlinge etwas erträglicher und unterstützen die Haupt-Organisatorin in der Flüchtlingsunterkunft soweit sie dazu in der Lage sind.
Shirvan, ist einer der Flüchtlinge und steht in diesem Buch einfach stellvertreten für die 1000 die bei uns Asyl und eine Zukunft suchen.  Er hat eine lange Flucht voller Schmerzen, Hunger, Entbehrungen, Angst, Wut hinter sich. Er ist sympathisch, selbstlos, hilfsbereit, sehr geduldig mit jedem und allem, ob die kleinen Kinder im Camp oder mit Antonia, die ihn neugierig ausfragt, mehr wissen will.
Durch seine Erzählungen wird das Buch zu dem was es ist. Ich hatte beim Lesen, den Eindruck selbst vor ihm zu sitzen, ihm zu lauschen und mit ihm zusammen die schlimmen, traumatischen Erlebnisse nochmal zu durchleben und wie ich vorhin sagte, habe ich mich wirklich für manche Behandlung, fremdgeschämt.

Bewertung:
 :Box1: :Box1: :Box1: :Box1: :Box1:






Mein Blog
Mein Blog - Kommtar erwünscht

Offline Christiane

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 4911
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #6 am: 20. Februar 2017, 16:04:20 »
Oh schön, noch eine Rezi und noch mehr Aspekte :-). Wenn wir jetzt aus allen Rezis einen Text machen würden hätten wir vielleicht so langsam alle Aspekte des Buches und der Leserunde erfasst  :flirt:.
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)

Offline Inge78

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 5115
  • Ryle hira - life is what it is
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #7 am: 20. Februar 2017, 16:14:25 »
Oh schön, noch eine Rezi und noch mehr Aspekte :-). Wenn wir jetzt aus allen Rezis einen Text machen würden hätten wir vielleicht so langsam alle Aspekte des Buches und der Leserunde erfasst  :flirt:.

Sehr gute Idee

Es ist auch intessant wie viel wir alle aus dem Buch und der LR raus geholt haben
Und das Buch wirkt immer noch nach
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Offline Inge78

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 5115
  • Ryle hira - life is what it is
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #8 am: 21. Februar 2017, 16:41:50 »


Ein Interview mit Jennifer Benkau , zu ihrem Label
Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it - Albus Dumbledore

Offline Christiane

  • Ungeschlagene Bingoqueen
  • Hero Member
  • *
  • Beiträge: 4911
Re: Es war einmal Aleppo - Jennifer Benkau
« Antwort #9 am: 21. Februar 2017, 17:18:50 »
Inge, vielen Dank für Deinen Link!
Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)