Christine Kabus - Im Land der weiten Fjorde

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Offline Christiane

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Christine Kabus - Im Land der weiten Fjorde
« am: 24. September 2013, 14:00:03 »
[isbn]978-3404167586[/isbn]

Klappentext:
Nach dem Tod ihrer Mutter erfährt Lisa, dass diese als kleines Kind adoptiert wurde. Ein Medaillon mit einem vergilbten Foto ist die einzige Spur zu ihren Vorfahren. Sie führt Lisa nach Norwegen, in den beschaulichen Ort Nordfjordeid. Die Menschen dort reagieren sehr unterschiedlich auf die Ankunft der jungen Deutschen. Während sie in der warmherzigen Nora sogleich eine Vertraute findet, begegnet der alte Finn ihr mit kaum verborgener Ablehnung. Auch der wortkarge Reitlehrer Amund scheint Vorbehalte gegen Lisa zu haben. Je länger sie in das Leben am Fjord eintaucht, desto sicherer ist sie, dass sie auf der richtigen Fährte ist und dass in der Familiengeschichte ihrer Mutter dunkle Geheimnisse schlummern, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen ...


Mein Eindruck:
Beim Lesen des Klappentextes dachte ich: Norwegen, Fjordpferde, nette kleine Geschichte – das könnt‘ was sein. Aber diese Erwartungen wurden bei weitem übertroffen!
Die Aufmachung des Buches ist wunderschön: ein aufklappbares Cover mit Panoramafotos der Fjordlandschaft lädt den Leser ein, ein Stammbaum der Personen erleichtert den Einstieg. Und in der Erzählung wird Norwegen mit seiner einzigartigen Landschaft so lebendig, dass ich am liebsten gleich die Koffer gepackt hätte. Da steckt Fernweh zwischen den Buchdeckeln!
Ebenso gepackt hat mich auch die Geschichte, obwohl das ein wenig gedauert hat. Zwei Handlungsstränge werden parallel erzählt und am Anfang des Buches haben mich die vielen Sprünge von einem zum anderen sehr gestört. Für mich waren die Phasen zu kurz, um schnell mit Figuren und Szenerie heimisch zu werden.
In der Gegenwart macht Lisa sich auf die Suche nach ihrer Familie und entdeckt dabei völlig neue Seiten an sich. Zugegeben: hier gibt es den ein oder anderen inhaltlichen Lapsus, passen einige ‚Zufälle‘ für meinen Geschmack ein bisschen zu gut, gibt es zu viel ‚Liebe auf den ersten Blick‘ – da helfen auch kleinere Umwege nicht. Aber ich bin auch kein begeisterter LiRo-Fan und da wohl etwas arg kritisch. Der flüssige Schreibstil und die spannend erzählte Geschichte machen es einem jedoch leicht, darüber hinwegzusehen.
In der Vergangenheit wird die Geschichte der jungen Norwegerin Mari im 2. Weltkrieg in Norwegen und in Masuren erzählt. Und hier hat mich das Buch wirklich begeistert, denn statt der erwarteten ‚netten kleinen Geschichte‘ bekommt man auf spannende, unterhaltsame Art Nachhilfe in neuerer Geschichte. Die Besetzung Norwegens durch die Nazis, der Umgang der Nazis mit der ‚nordischen Rasse‘ im besetzten Gebiet und die Reaktionen der Einheimischen von Kollaboration bis Widerstand werden dem Leser an Hand der Schicksale der Menschen in der kleinen Gemeinde Nordfjordeid nahegebracht. Auch über Masuren und seine Menschen in den 1940er Jahren erfährt man einiges. Erfreulicherweise schafft die Autorin dies ohne schwarz-weiß-Malerei, sondern mit meist stimmigen, nachvollziehbaren Handlungen und glaubwürdigen Charakteren.  Das war so interessant, dass ich parallel zum Buch immer wieder stundenlang im I-net weitere Informationen und geschichtliche Hintergründe nachgelesen … und nebenbei in Norwegen-Fotos geschwelgt hab.
Dass die Liebesszenen etwas klischeehaft daherkommen hat mich nur wenig gestört – es wird dadurch wettgemacht, dass sie sehr kurz gehalten sind. Ein begeisterter LiRo-Leser käme da wohl kaum auf seine Kosten. Deswegen würde ich das Buch auch eher unter die Histos einordnen.

Am Ende erwartet uns ein Happy-End und da geht es mir teilweise zu schnell – da das Buch aber so schon 586 Seiten umfasst, will ich auch hier nicht wirklich meckern. Schön ist, dass der ganz große Kitsch am Ende erfolgreich umschifft wurde und die Autorin da einiges der Phantasie des Lesers überlässt.

Fazit:
Dies Buch war trotz einiger kleiner Abstriche ein Highlight und absolut lesenswert. Interessante Geschichte, sympathische Hauptfiguren, mit denen ich mitfiebern konnte, spannender geschichtlicher Hintergrund und ein schönes Ende. Vermisst habe ich einen kleiner Anhang mit Informationen zur Historie, die dem ganzen einen letzten Schliff gegeben hätten.

Note: 

Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als würdet ihr in zehn Sekunden tot umfallen. Bereist die Welt. Sie ist fantastischer als jeder Traum, der in einer Fabrik hergestellt wird.
 Ray Bradbury (1920 - 2012)